Ganz leise ist es, da ich diese Worte schreibe. Das Verklingen der Triebwerke unseres klimaneutralen yogischen Fliegers war vor einer Sekunde noch mehr eine Ahnung als tatsächlich hörbar. Melanie, fraugewordenes Glück meines Lebens, hat die Cockpitbeleuchtung ausgeschaltet und nur kurz müssen sich unsere Augen an die schwindende Dunkelheit gewöhnen. Der erste Sonnenstrahl aufgehender polnischer Sonne lenkt unseren Blick auf das Navigationsdisplay. Im nüchternen Computergrün künden trocken wie in ihrer Wirkung elektrisierend die zwei Zahlenreihen von unserem gegenwärtigen Aufenthaltsort. 51° 43′ 19″ N, 19° 23′ 53″ E.

Wir sind angekommen, hier im polnischen Łódź. Nur anderthalb Autostunden von Warschau entfernt und lediglich einige Minuten weit weg von jener Filmhochschule, in welcher 1959 der großartige Regisseur Roman Polanski seinen Abschluss feierte. Dank seiner einzigartigen Genialität wird uns der letzte Film unseres heutigen gemeinsamen Reisetages entlassen mit intelligentestem Humor und mit meisterhaft inszenierter Erotik.

Eine gedankliche Reise wird fortgesetzt

Der Schimmer der Koordinaten vertreibt unsere letzten Dämonen, wie sie unseren in Spanien durchlebten Ängsten zuzurechnen sind. In einem vertikalen Gefängnis, mit streng rationierten Essen für 666 Gefangene, blickten wir auf des menschlichen Geistes tiefsten Grund. Jene Düsternis sollten wir erblicken, wie sie nur bar des Lichts von Liebe und Mitgefühl den Insassen des „vertikalen Zentrum für Selbstverwaltung“ längst zum täglichen Martyrium erwachsen war. Später dann bewahrte unsere gelangweilten yogischen Herzen allein der schroffe Mut eines im Kern doch modern-glanzvollen Don Quijote. Des Lanzenreiters Entschlossenheit und seine von Angesicht zu Angesicht präsentierte Heldenhaftigkeit gegenüber windmühlenhaften Riesen sollte uns den gesuchten Schubser spendieren. So durften wir von unserem Ausflug nach Spanien am Ende doch Positives entnehmen. Etwas Humor in freudloser Zeit und etwas Erkennen in Tagen von Lug und Trug. Humor angesichts des neuen Alltagskleides Angst, Erkennen ob der keineswegs durch die Sorge um Volksgesundheit getriebenen Repressionen durch Pharmaindustrie, Politik und Medien.

Bist du neu auf dieser Website, dann rühme dich deines glücklichen Fundes in den Weiten des World Wide Web, und deines guten Geschmacks! 😉 Bist du wiederkehrend und abermals Teil unserer virtuellen Entourage, warst du schon dabei in Frankreich, USA, Italien, Griechenland, Indien, China, und letztlich Spanien, so lass dich hier in bewährter Manier einstimmen auf unsere kleine gedankliche Sause mit leckeren tierfreien Köstlichkeiten und zwei unterhaltsamen Filmen. Abermals habe ich für uns, schließlich sind wir doch geschundene wie tapfre Recken in Zeiten kolossalen Unbills, nette Movies mit Bezug aufs Lokale ausgesucht. Irgendwie jedenfalls. Der zweite Film nämlich, fällt wohl mehr französisch als polnisch aus. Immerhin bleibt seines Machers Genie polnischer Herkunft. 🙂

Nieszczęścia chodzą parami 

„Ein Unglück kommt selten allein“, das ist auch und gerade hier in Polen eine sehr gut gekannte Lebensweisheit. Wie könnte es anders sein? Die Nation und ihre Seele sind geschichtlich Spielball fremder Mächte und zweifelsohne sind da Narben im Antlitz auch eines modernen Staates Polen. Die Erinnerung an durchlebte Armut und Lebensschwere prägen nach wie vor die nationale Identität.

Kannte ich in meiner Vergangenheit die aus Polen stammenden Freunde und Kollegen näher, dann wurden stets ganz ähnliche Familiengeschichten aus der alten Heimat erzählt. Gemein hatten diese Schilderungen, dass die nach Deutschland erfolgte Migration der Sehnsucht nach einem besseren Leben verschuldet war.

Vor Jahren schloss ein in seinen Kindheitstagen von Polen nach Deutschland migrierter Gesprächspartner mir gegenüber mit den Worten: „Heute sind die Deutschen wegen ihrer Depressionen ganz besorgt. Alle gehen sie zur Behandlung. Damals in Polen war das ganz normal für unsere Familien, für jeden von uns. Das Leben war schlecht, da war keine Besserung in Aussicht. Das war einfach so. Wir wären gar nicht darauf gekommen, das Depression zu nennen.“

Warum Menschen wahnhaft gegen Windmühlen kämpfen

Im Yoga folgen wir bewährten Pfaden zur Auflösung des Leidens. Wir entschwinden dem Komplex aus Depression nicht mit Pharmakologie und wir klopfen auch nicht Angst und Sorgen weg, wie es mancherorts Mode geworden ist. Vielmehr wollen wir im Yoga den Geist klar machen für den Blick darauf, dass da keine Trennung existiert. Keine Trennung zwischen dir und mir, keine Trennung zwischen dem ich und Gott, keine Trennung zwischen dem Menschen und der Natur.

Die Bürde unseres Seins manifestiert sich in der Überzeugtheit des unbewussten menschlichen Geistes, er wie sein tragender Körper seien abstrahiert von der Natur, abstrahiert von Gott. Wie sehr uns die Sprache auch der machtvollen Kooperation und der Wissensweitergabe an folgende Generationen befähigt hat, sie ist leider in ihren modernen Darreichungen verkümmert zur Ursache von Leiden und Untergang. Sprache ist gelebte Manipulation in der Beeinflussung von Menschen und ganzen Gesellschaften. Der Kommerz bedient sich der Rhetorik, modern auch als „mind programming“ in aller Coaches Münder. Die Politik bedient sich der doppelschneidigen Klinge bewusst irreführender Formulierungen. Da werden friedvoll mit uns koexistierende Mikroorganismen zum unsichtbaren Feind erkoren, Einsperrung heißt im orwellschen Neusprech „Lockdown“ und die „Notbremse“ lässt unsere Herzen freudig Hurra rufen bei so vielen prima Ausgangssperren, Berufsverboten und strafbewehrtem Kontaktverboten.

Es gerät mir zu festen Überzeugung, dass unsere menschlichen Sprache längst schon die Hybris unserer Spezies verstärkt. Nach der Blütephase einer komplexen und dem Göttlichen so nahen Sanskritsprache geht es fortdauernd nur abwärts. Worte und Sätze formen unseren Geist immermehr zur Überzeugtheit, er und die Natur, er und Gott, er und die Tiere, alles sei verschieden und voneinander getrennt.

Unser aller Loslösung von der Natur findet im aktuellen Reigen weltweiter Hygienediktatur ihre jüngste Eskalation. Allesamt lassen sie sich überzeugen, die dauerhafte Unterbindung eines Austausches menschlichen Schleims sei eine gute Sache, sie gereiche unserer Gesundheit zum Vorteil. Es ist stattdessen zu erwarten, dass die Wahrheit das Gegenteil bedeuten wird. Der Körper unseres Ich besteht nur zum Teil aus Körperzellen. Der Rest ist eine Lebensgemeinschaft mit anderem Leben kleinster Maßstäbe, wie sie dauerhaft oder zeitweilig Teil unseres Ich sind. Ein jeder von uns ist nur eine zeitweilige Manifestation des Flusses aller Biologie und allen Lebens hier auf dem Planeten. Und letztlich allen Lebens im Kosmos. Unser Nahrungskörper besteht aus unserem Fleische, aus Bakterien und aus Viren. Es braucht all diese Zutaten, um dauerhaft gesund zu bleiben. Und um Mensch zu bleiben. Es ist des Menschen Natur, im nahen Austausch stets an neuen Herausforderungen zu wachsen, es erhält ihn lebensfähig. Nur so kann unser Immunsystem auf Dauer unser Überleben sicher. Die Unterbindung freien Atmens, Kontaktverbote und mit der heißen Nadel gestrickte Pharmazeutika sind geraten zu Gegenspielern des Lebens, des Überlebens. Wir werden nie außerhalb der Natur stehen können.

Ein polnischer Science-Fiction Autor hat die Dinge vorhergesehen

Stanisław Lem, würde er noch leben, wäre wohl nicht begeistert ob meiner Reduktion als Science-Fiction Autor. Böse ist es nicht gemeint, aber ausgerechnet diese Facette des 1921 im polnischen Lemberg geborenen Universalgenies ließen ihn viele Dinge menschlicher Abwärtsspirale vorhersehen. Klar ein Gegenentwurf zur kaum infrage gestellten Überzeugung, die immer schneller vorangetriebene Technizität des Menschen sei ein Segen und diese sei das Äquivalent zur Reifung des menschlichen Geistes, der menschlichen Spezies.

Die Klugheit eines Stanislaw Lem statuierte eine Voraussicht auf den tatsächlichen Fortgang unserer Gesellschaften. Er sagte das Internet voraus. Aus seinem Munde stammen die Worte, wir würden zukünftig und mit den kommenden modernen Informationstechnologien „zusammenhangslos von Stimulus zu Stimulus hüpfen“, unsere Intelligenz reduziere sich dadurch zusehends. Recht hat er behalten. Allesamt hüpfen wir aktuell auf den wirkungsvollsten Stimuli. Allesamt sind sie Varianten gezielt verbreiteter Angst vor profanen Krankheitserregern.

Und jetzt Polen

Polnische Menschen wie auch die Menschen aus dem Bosnien und Herzegowina meiner Kindheit haben so manches gemein. Sie sind eine Spur freundlicher und gastfreundlicher, sie schätzen die Freundschaft, sie leben den Zusammenhalt in der Nachbarschaft. Sie feiern, als wäre jedes Fest das letzte. Und sie versagen sich nicht die spirituelle Seite ihres Daseins. So kommt auch die Vertautheit Polens mit dem Katholizismus nicht von ungefähr. Und irgendwie, wenn ich an Polen denke, ja irgendwie spielt in diesem Sinnieren leise und doch immerzu der Sender Radio Maryja mit seiner unablässigen christlichen Erbauung. 🙂

So sei dir gewiss, lieber Leser (ja, diese Website ist die letzte Trutzburg des generischen Maskulinums), dass unser heutiger Törn gleich zwei Filme mit starker religiöser Prägung kennt. In dem einen Streifen schreit das Priesterherz eines straffälligen Teenagers, in dem anderen Plot wird ein übermütiger Theaterregisseur von einer Göttin persönlich genarrt. Das wird funny. Und wir werden so lecker essen. Beginnen wir mit dem Süppchen!

Zupa ogórkowa – Mittels Salzgurken raus aus der Saure-Gurken-Zeit

Jens und Miriam betreiben mit der Villa Vegana ein wunderbares veganes Hotel auf Mallorca. Derer Feder entstammt ein großartiges Kochbuch mit veganen Speisen aus aller Welt. Das Werk mit dem Titel „Vegan aus aller Welt – das Villa Vegana Kochbuch“ erschien 2018 im Ventil Verlag. Sehr empfehlenswert! Von dort, zu finden auf Seite 169, stammt das Rezept zur von uns nachgekochten Zupa ogórkowa. Was können Gurken doch süßes Glück bedeuten … 😉

So gerät die Suppe auch an unserem heutigen Reisetag zur Mahnung ob der Bescheidenheit, und zur Einstimmung auf unseren ersten Film. Früh genug werden dir die knöchernen Gesichtszüge des haftentlassenen Protagonisten Daniel von der Askese künden. Und dich einstimmen auf den sakramentalen Leib Christis in unserem ersten Film des Tages, welcher im Spiel seiner Figuren und der Handlung polnischer nicht sein könnte.

Corpus Christi (OT: Boze Cialo), Polen 2019

Daniel ist 21 und frisch aus seiner Haft entlassen. Sein Omnibus ist unterwegs zum Sägewerk, welches Teil seiner Wiedereingliederung und seiner Bewährung sein soll. Des Messdieners Herz allerdings zieht es zur Kirche des unweit vom Sägewerk gelegenen Örtchens. Dort wird dank der so häufig wundersamen Wendungen des Moments aus dem Ex-Häftling Daniel ein famoser Pfarrer Tomasz. Blieb dem Vorbestraften bis dato die Hoffnung auf das Priesterseminar versagt, so findet er sich nun und urplötzlich im täglichen Dienst an Gott und den Menschen wieder. Die Messen, Salbungen, Taufen, Weihungen und Prozessionen meistert der junge Mann mit Bravour. Doch die dunkle Vergangenheit Daniels wie auch des Dorfes werden alle Figuren einholen.

Der Film ist keine Komödie, wenn ihm auch immer wieder zutiefst komische Momente innewohnen. Die Läuterung des hochtrabenden Bürgermeisters, kniewatend im Schlamm seines Sägewerks, gerät zur unvergesslichen Momentaufnahme eines grandiosen polnischen Films der Neuzeit. Welch Wink des Schicksals, dass des Films Regisseur Jan Komasa ebenfalls ein Absolvent der Filmhochschule Łódź ist. Genieß vor diesem Hintergrund auch du einen filmischen Wow-Moment besten polnischen Kinos.

Polnischer Puddingkuchen hebt die Stimmung

Polnische Zungen mögen Süßkram, so viel ist mal sicher. Ob Prince Polo oder der von uns nach diesem Rezept gezauberte polnische Puddingkuchen Karpatka als unseres Hüftrunds Booster. 😉 Aber so richtig gelungen ist uns das Ganze nicht. Auch das Mißlingen kann einmal passieren. Sei es drum. Schmackhaft war es, aber für unser Dafürhalten gerät das Rezept sicherlich besser mit der doppelten Teigmenge bzw. dem Doppelten an Mehl. Probiers aus, du mutige Naschzunge!

Venus im Pelz (OT: La Vénus à la fourrure), Frankreich und Polen 2013

Es ist spät, das Vorsprechen im Theater war vergebens. Alle vorstellig gewordenen Schauspielerinnen waren weit weg vom dafürgehalten Ideal des Theaterregisseurs. Seine Bühnenadaption der erotischen Novelle von Leopold von Sacher-Masoch aus dem Jahr 1870 braucht eine passendere Dame höherer Klasse, wie sie nicht einfach so vom Trottoir hereinschneien könnte. Oder doch?

Des Intellektuellen Ideal einer perfekten Besetzung für den weiblichen Part seiner Adaption des erotischen Romans „Venus im Pelz“ sieht mehr Erhabenheit vor. Die kaum fassbare Konvergenz von Stil, Bildung, weiblicher Sittsamkeit und erotischer Dominanz. Wehmut, ob des vermeintlich verlorenen Tages am Theater, weicht dem Überraschen einer viel zu spät in den Saal platzenden Interessentin mit Bezug auf die vakante Rolle der Venus.

Lass dich fallen und genieße das Kammerspiel, wie es Melanie an Polanskis Werk „Carnage“ aus dem Jahr 2011 erinnert. Aber Carnage (oder hierzulande: „Der Gott des Gemetzels“) ist im Wesen zutiefst amerikanisch, besetzt mit Kate Winslet und Jodie Foster. Erkennbar ein Polanski, und sicherlich gut, aber doch irgendwo amerikanisch. „La Vénus à la fourrure“ ist um so vieles europäischer. Ein Stakkato intellektueller und sprachlicher Feinheiten beschert Abendunterhaltung der immer seltener gekannten Darreichung. Die anfänglich nur leise Enttäuschung ob der Reduktion auf einen Handlungsort und nur zwei Figuren sorgt letztlich für laute Begeisterung.

Emmanuelle Seigner in der Rolle der Wanda Jourdain ist des Films Energiequelle, alle Kraft geht von ihrem Spiel aus. Die in Paris geborene Schauspielerin und Sängerin war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 52 Jahre alt. Ihre Darstellung allein bindet unsere Aufmerksamkeit. Ihre Wandlung vom vermeintlichen Stereotyp weiblicher Bourgeoisie zur wahren Venus verdammt des Stückes Regisseur Thomas Novacheck wie auch uns zu willfährigen Unterlegenen ihrer erotischen Dominanz.

Am Tiefpunkt größter Verlorenheit, im Zenit seiner Unterwerfung, kleidet Thomas seine Göttin mit Stiefeln. Und sie lacht über ihn, verlacht uns. Soll diese meisterhaft in Bilder gegossene Szene zum Ankerpunkt des Films in unserem Gedächtnis werden.

Polnischer Sauerkraut-Kohleintopf

Wir waren uns ganz unsicher. Isst sich das fest-flüssige Menü mit Gabel oder mit Löffel. Am Ende gewannen die Löffel. Lecker war es allemal, heiß und ganz bestimmt urig polnisch. Ein bodenständiger Kontrast zur tour de force der erotischen Kapitulation eines über seine Selbstgefälligkeit stürzenden und von seiner Venus gedemütigten Regisseurs.

Wie schon das Süppchen stammt auch das Rezept zu diesem zweifellos deftigen Abendmahl aus dem Buch „Vegan aus aller Welt – das Villa Vegana Kochbuch“ (Seite 172). Mit Brot aus dem Backofen genossen soll auch dir der Segen zuteil werden, ein gutes Leben nicht auf dem Leid anderer denkender und fühlender Wesen basieren zu lassen. Denn wie sehr die Politik auch gegenwärtig danach strebt, uns dauerhaft wie Vieh mit Nummern zu versehen und uns einzusperren, nie werden wir auch nur ansatzweise die Qualen und die Leiden der Opfer unserer Tierindustrie teilen können. Ein bitterer Gedankengang? Sicherlich.

Nächster Halt unserer Weltreise: Ungarn

Unsere nächste Station wird Ungarn. Ein Süppchen, etwas Süßkram, ein Hauptgericht und zwei Filme werden unseren Tag fern der Heimat versüßen. 🙂 Abermals werden wir für dich wie für uns zwei wunderbar verrückte Filme sondieren und dergestalt lecker veganes Schlemmen mit Lokalkolorit zelebrieren. Versprochen!

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