Die Augen des Weges (OT: Los Ojos del Camino), Peru 2017

Bar der Ansprache und mit leiser Botschaft kündet das filmische Gedicht „Los Ojos del Camino“ in der ihm ganz eigenen Art von der immerwährenden Wahrheit aller Dinge. So schreit hier niemand, nicht die Landschaft, nicht der Held vor der Kamera, nicht die eigentümlichen Handlungen und Worte. Der ruhige Geist im Rezipienten gerät in meiner vom Yoga geprägten Lesart des Werks zum wahren Begünstigten dieses filmkünstlerischen Wettergrollens.

Der menschliche Geist fürchtet die Transzendenz

Unser Ich weiß in jedem Moment um Wesen und Sinn. Unser Geist hingegen, als losgelöstes Werkzeug mit Affinität zu Dramen, glaubt zu wissen und versteht doch nur ungern. Der Egoirrtum des Geistes erfährt im Moment des Erkennens nämlich seine Auflösung. Mit seinem stetem Durchleiden vergangener Dinge und in Sorge um zukünftige mögliche Geschehnisse tönt das Ego laut und erfolgreich überspielt es, dass es ganz allein die Ursache allen Leidens ist.

© ARSENAL Filmverleih

Das Erkennen der Verbindung zum Ganzen ist der ureigenste Sinn bewussten menschlichen Lebens. Wäre da nicht dieses losgelöste Werkzeug unseres Hirns, dieser lachende, weinende, ängstliche, wütende, traurige, sorgenvolle, neidende, wertende, krankende, liebevolle, mißgünstige, helfende, tötende, zerrissene, differenzierende, kategorisierende und blinde Geist.

Die Tür ist offen – das war sie schon immer

Das in den Griff zu bekommen ist Kür wie Sinn unseres Seins. Das Yoga dient als sehr empfehlenswerte und über die Jahrtausende gereifte Technologie. Gleichwohl gibt es viele andere Schlüssel zur Erleuchtung. Die tiefe Meditation einer handwerklichen Tätigkeit wie auch so mancher spirituelle Zweig angestammter Religionen sind imstande, auf die stets offenstehende Tür zur universellen Wahrheit zu weisen. An den verschiedensten Orten dieser Welt passierten bereits vor langer Zeit die dahingehend richtigen Erkenntnisse.

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Die heilsame Kraft der Naturerfahrung ist unbestreitbar. Geschieht die Existenz in ihrer noch ursprünglicheren Variante innerhalb der natürlichen Lebenswelt, so wird dem menschlichen Ego dort verlässlich Einhalt geboten. Vor diesem Betrachtungshintergrund sind im alten Wissen indigener Völker wahre Schätze zu sehen. Hier warten größere Früchte, als sie in Wachstum, Kapitalismus und Technizität erwachsen können.

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Das spirituelle Wissen indigener Völker manifestiert sich aus der tiefen Naturerfahrung. Das Erkennen der Vergänglichkeit und des Wandels aller Form ist hier nicht durch mannigfaltige moderne Abstraktionsebenen verschleiert. In meiner Begeisterungsfähigkeit für das Spirituelle meine ich somit nichts Geringeres als die dem Leben noch nahe Transzendenz. Dergestalt wird in diesem in Film gegossenen Goldschatz etwas Besonderes möglich: Blicken wir wach auf die 88 Minuten, so blicken „Die Augen des Weges“ gleichermaßen auf uns zurück.

Ode an das Arthouse

Blockbuster des Mainstreamkinos kommen in diesen Tagen gerne mit 300 Millionen Dollar Budget daher. Die tendenziell lauten Bilder sind uns keine wahre Hilfe. Sie sind vielmehr nur dazu imstande, die Stimmen unseres Geistes zu übertönen, für zwei Stunden, und sie lähmen uns gen Willfährigkeit. Und für danach.

Die großen Geschichten werden besser leise erzählt. Zurücknehmend. So, als gelte es, die innewohnende Botschaft auf dem Weg zu halten. Unser Verstand erlebt jene großen und schwer in Gedanken zu fassenden Dinge als flüchtige Essenz. Jenes der Zurücknahme des eigenen Geistes folgende Nachsinnen, auch Meditation und Achtsamkeit genannt, lässt uns die Verbundenheit mit der einen wie mit allen Geschichten erkennen.

„Los Ojos del Camino“ verdankt dem Programmkino insofern das bestellte Feld. Ein bereitwilliges Publikum, welches der Erkenntnis gesonnener denn dem Spektakel ist. Adressaten, welche mit geübter Reife jene innere Stille praktizieren, wie sie für diesen Film vonnöten ist.

Ein Weiser auf Wanderschaft in den Kordilleren

Ein einsamer Wanderer mit Umhängetasche wandert in der ehrfurchtgebietenden Naturlandschaft der peruanischen Anden. Eine Erzählstruktur bis hin zur ihrer ureigensten Auflösung und die faktische Anti-Präsenz des gezeigten spirituellen Meisters erzeugen eine sanfte Ergriffenheit. Die Dinge passieren leise und sind doch von größter Präsenz.

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Die in poetischer Bildsprache portraitierte Hauptfigur heißt Hipólito Peralta Ccama. Neben seinem Wirken als Grundschullehrer in der Stadt Cusco im Andahuaylillas Distrikt ist unser ‚Held der Geschichte‘ vor allem ein paq’o, so heißt ein Heiler in der Quechua Sprache. Als Schamane vermittelt er zwischen der Natur und den Menschen.

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Scheinbar gleich den von ihm gehörten Naturgeistern bewegt sich Hipólito selbst wie ein Geist. In seiner Zwiesprache mit Wasser, Steinen, Erde und mit den Apus gerät die Zeit zur vergessenen Inhärenz. So folgen wir der Präsenz des Schamanen und das Unwirkliche wirkt. Des Schamanen Präsenz mal hier, mal dort, mal liegend am Wasser, mal eingefügt im Felsen, dann im dichter besiedelten Ort irgendwo, an anderer Stelle beim rituellen Dorffest, das hat Erinnerungswert ohnegleichen. Ebenso des Heilers mahnende Schwermut angesichts von Verstädterung, der Auflösung indigener Strukturen und der unaufhaltsamen menschgemachten Umweltzerstörung.

Ein Film als spirituelle Nahrung

Der Regisseur Rodrigo Otero Heraud hat mit geringen Mitteln Großes geschaffen. Zugleich bringt „Die Augen des Weges“ alle Voraussetzungen mit, um mit Schmackes den Esoterik-Stempel aufgedrückt zu bekommen. Das ist in Ordnung, entspricht diese Herangehensweise doch am ehesten dem gegenwärtigen Zustand unserer Welt.

Entfremdet vom Ganzen fürchten die Menschen ohne Not die Vergänglichkeit. Der moderne Wahnsinn gründet letztlich komplett auf diesem Umstand. Dabei ist die Wahrheit, oft Erkenntnis oder Himmel genannt, stets gegenwärtig. Ein jeder von uns, wie auch alle anderen Wesen und Dinge sind ein Bestandteil dieser Wahrheit wie zugleich die Wahrheit selbst.

Ob Yogi oder nicht, schenke dir die Erfahrung des unbedingt empfehlenswerten Dokumentarfilms „Los Ojos del Camino“. Wenn deine lauten Stimmen dich lassen, dann höre gut hin.

Mit etwas Glück läuft „Die Augen des Weges“ noch in deinem Programmkino. Erhältlich ist der Streifen ebenfalls auf DVD (Partnerlink). Der Trailer gewährt einen ersten Blick.

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Ich bin Eddi, ein in den frühen Siebzigern in Bosnien-Herzegowina geborenes und mittlerweile sehr spirituelles Exemplar Mensch. So passt es ganz prima, dass ich der Website gurunest.com als Co-Autor und dem Gurunest Podcast als Co-Moderator dienen darf. Die gemeinsame Schnittmenge zwischen meinem alten und meinem neuen Leben sind meine Ehefrau Melanie und unsere zwei erwachsenen Söhne. Aber sonst haben sich die Dinge mittelprächtig radikal verändert. Früher bestanden meine intellektuellen Interessen vorwiegend aus Computern, Computernetzwerken, Raumfahrt und Wissenschaftsgeschichte. In dieser Zeit waren für mich die Worte "Esoterik" und "Spiritualität" noch klar negativ besetzt. Dann aber passierten drei Dinge mit größtem Veränderungspotential in meinem Leben: Mit dem Veganismus habe ich mein Äußeres radikal verändert, mit den Lehren Buddhas fand ich zum Mitgefühl und mit dem Yoga habe ich mein Ich mit dem Leben versöhnt.

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