Vor einigen Tagen geschah es auf Facebook in irgendeiner Vegangruppe. Dort teilte jemand den Anriss zu einem journalistisch nicht unbedingt wertvollen Zeitungsartikel. Es wurden eklatant schlechte Arbeitsbedingungen spanischer und italienischer Feldarbeiter benannt. Als Konsequenz wurde auf Facebook zum totalen Boykott von Obst und Gemüse aus beiden Herkunftsländern aufgerufen. Warum ich diesem Aufruf ganz bewusst nicht folge, darum soll es hier gehen. Vielleicht ist das Ganze für dich eine Hilfestellung, vergleichbar gelagerte Fälle in der Zukunft ähnlich argwöhnisch zu handhaben.

Wo steht Facebook zurzeit?

Die guten Zeiten für Facebook sind in der westlichen Welt längst vorüber. Während die nach privaten Daten gierende Softwarefirma im arabischen Raum zwar noch das Onlinemedium schlechthin sein darf, sorgen im Rest der Welt berechtigt schlechte Schlagzeilen und die daraus erwachsende individuelle Datensparsamkeit für einen kontinuierlichen Abschwung Facebooks.

Bewusst kurzlebig gehaltene Informationen, damit Nutzer immer wieder für neues Datenmaterial sorgen. Gefilterte Timelines, Zensurmechanismen, geradezu blubbernde Filterblasen und die Abwesenheit einer echten globalen und historischen Suchfunkton. Auch deswegen resutlieren fortwährend minimal sinnhafte Beiträge mit geringster Schöpfungshöhe. Und Facebook ist in meinen Augen und auf Basis meiner langen Beobachtung eine tägliche Quelle von rechtem Populismus. So lässt sich hinreichend treffsicher meine Wahrnehmung des Ist-Zustandes von Facebook beschreiben.

Trotzdem nutze ich die Website aus Kalifornien, da es mit Bezug auf bestimmte Interessen praktisch kein Äquivalent gleichen Vernetzungsgrades gibt. Das ist ein Dilemma, keine Hassliebe, vielmehr einfach nur Pragmatismus. Hinweise auf Veranstaltungen mit jeweils lokalem Kontext und anhängigen Organisationsprozessen, das lässt sich prima auf Facebook stemmen. Meine abonnierten veganen Gruppen sind ganz nett, aber leider diese für mich den regelrechten Schmerz des Erlebens immergleicher Fragen und immergleicher Bewerbung hochverarbeiteter Lebensmittelprodukte. Doch ab und an stoße ich auf ganz interessante Informationen mit guten Quellenangaben und somit auf unerwartete Denkanstöße.

Da war er, der dringende Aufruf zum Boykott

Um die für mich guten Sachen mitnehmen zu können, sichtete ich auch dieser Tage wieder auf Facebook die oft geteilten und selten selbst produzierten Bilder und Texte meiner Mitmenschen. Da war er dann schon, jener geteilte Facebook-Beitrag mit ganz viel Potential für tumbe Gruppendynamik. Sofort, so die Kernaussage, sei vom Kauf von Obst und Gemüse aus den Erzeugerländern Spanien und Italien abzusehen. Leider sah ich das nicht weiter aufgeschlüsselt. Folglich dachte ich zunächst, die Früchte seien womöglich in irgendeiner Form belastet und gar gesundheitsschädlich. Ich machte mir dann selbstverständlich die Mühe, den verlinkten Beitrag zu klicken und diesen außerhalb von Facebook und im “freien Internet” befindlichen Beitrag vollständig zu lesen. Erfahrungsgemäß ist die Beachtung der Quelle von Facebook-Beiträgen die absolute Ausnahme. In dem also zugrundeliegenden Onlineartikel wurde recht kurz, zu kurz für eine ausgewogene Berichterstattung, die Summe prekärer Arbeitsbedingungen spanischer und italienischer Erntehelfer angesprochen. Zu alledem war der thronende Titel Clickbait, also in seiner Form reißerisch und kaum dem Gefundenem im Text entsprechend. Die für mich gewünschten Infos konnte ich hier nicht finden.

Raus aus dem Schwarmverhalten, rein ins eigene Denken

Darum recherchierte ich im ersten Schritt mithilfe der Suchmaschine nach weiteren Artikeln, welche den gleichen Themenbezug haben. Aus guter Erfahrung mied ich dabei jeden Artikel mit entlarvenden Wortschöpfungen im Titel. Schrieb mit “Ernte-Mafia” und “Dreckige Ernte” bereits in der Überschrift sind selten von gutem Wesen. An Ende konnte so gelungene Berichterstattung betreffs des kausalen Problems finden. Erst hier konnte ich mein eigenes Meinungsbild zur Sache gestalten. Im zweiten Schritt stellte ich mir jene Fragen, welche in kommerzieller Berichterstattung gerne einmal ausbleiben. Die Medienmaschinerie unserer Tage kennt schließlich allein die Sensation und das Entsetzen, jene vermeintlichen Garanten fürs Geschäft.

Folgende Fragen stellte ich also für mich auf und ich suchte nach Antworten:

  • Sind derartige Bedingungen für Erntehelfer die Ausnahme oder die Regel?
    Sollte es sich um den Regelfall handeln, was sind die Ursachen?
  • Sind ggf. verarbeitende Nahrungsmittelkonzerne und große Handelsketten Initiator des Preisdrucks?
  • Wie ist das zeitlich abzustecken, war das ggf schon immer so prekär bzw. wann ist das Problem in Erscheinung getreten?
  • Nur Italien und Spanien? Ist es in anderen Ländern signifikant besser?
  • Welche staatlichen Maßnahmen zur Bekämpfung und Eindämmung von Missbrauch und zum Schutz der Arbeiter sind bereits im Gange oder in der Planung?

Ganz gewöhnlicher Social Network Alltag war das, das ist mir völlig bewusst, doch so richtig dran gewöhnen werde ich mich wohl nie. Solchen Aufrufen auf Basis der Vermeidung einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema folge ich prinzipiell nicht. Der ureigenste Bonus unseres bewussten Seins ist schließlich die Befähigung zum Denken. Und diese Urteilsfähigkeit sollte aus meiner Sicht tatsächlich und täglich und immer genutzt werden.

In dieser gegebenen Situation und mit Bezug auf die Urteilsfähigkeit bedeutet das für mich, dass ich eben nicht pauschal auf die Produkte dieser Erzeugerländer verzichte und womöglich noch obendrauf jedem Mitmenschen dasselbe entschlossene Vorgehen ans Herz lege. Vielmehr berücksichtigt meine Urteilsfähigkeit den Umstand, dass die Welt groß, vielschichtig verzahnt und deswegen komplex bleibt. Stete Gewissheit soll außerdem sein, dass es meist mehr als nur eine Wahrheit gibt.

Wie reagiere ich auf das Thema “Ernte-Mafia”?

Mich willfährig einem in Social Media geborenem Boykottmob anzuschließen, kommt für mich ganz allgemein nicht in Frage. Trotzdem ist der behandelte Komplex mit der Gemüse-Obst-Industrie für mich insofern interessant, als dass ich hieran nochmals meine allgemeine Entwicklung abgleichen kann. Soll heißen: Ich möchte die Dinge für mich besser machen und ich möchte mit meinem Tun die Welt verbessern. Vor diesem Background ist das Erntehelfer-Thema für mich mit folgenden Gedanken und Maßgaben zunächst abgeschlossen und das ohne spontanen Handlungsbedarf:

Maßgabe 1: In Spanien wie in Italien gibt es selbstverständlich Firmen und Handelsstrukturen, welche anständig funktionieren und ordentliche Beschäftigungsverhältnisse gewährleisten. Diesen Firmen und ihren abhängigen Arbeiters würde mit Wegbrechen der Einnahmen durch Konsumboykott keinesfalls geholfen sein.

Maßgabe 2: Ich bewege mich ohnehin in die Richtung Regional & Saisonal. Mein Konsumverhalten ändert sich also sowieso bereits und es stützt gerade jetzt und stetig einen Strukturwandel.

Maßgabe 3: Prekäre Arbeitsverhältnisse sind von Jahr auf Jahr weltweit die Norm der Arbeiterklasse. Auch unser Alltag hier ist durchsiebt von Menschen in ähnlichen Situationen, sie begegnen uns an der Verkaufstheke, als Fahrer oder als Putzkraft. Gerne im Zweit- bzw. im Drittjob. Willkommen im neuesten Lebensjahrzehnt vom Kapitalismus mit seiner Ausbeutung von Natur, Tieren und Menschen. Prekäre Arbeitsverhältnisse sind demzufolge kein regional einzugrenzendes Phänomen, vielmehr sind sie ein systemisches Resultat.

Maßgabe 4: Die Aufklärung ist voranzutreiben. Der Anstoß regulativer bzw. gesetzlicher Gegenmittel ist zu prüfen. Der friedfertige Aktivismus ist dem pauschalen Kaufverzicht vorzuziehen. Steter Tropfen höhlt den Stein.

Gutes Vorgehen kennt das Darüber-eine-Nacht-schlafen. Facebook und andere Social Networks funktionieren dergestalt aber nicht. Sie wollen ihr Like auf Quatsch jetzt sofort. Entrüstete Kurzkommentare gesellen sich hinzu und stützen die Dynamik des Moments. Auf der Strecke bleiben Vernunft, Unschuldige und das wahre Potential menschlichen Kollektivs.

Mein Appell an Dich: Durchdenke jeden aus Online oder Offline stammenden Aufruf gut und ausgewogen. Sei klug und achtsam!

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Ich bin Ed, ein in den frühen Siebzigern in Bosnien-Herzegowina geborenes und mittlerweile sehr spirituelles Exemplar Mensch. So passt es ganz prima, dass ich der Website gurunest.com als Co-Autor und dem Gurunest Podcast als Co-Moderator dienen darf. Die gemeinsame Schnittmenge zwischen meinem alten und meinem neuen Leben sind meine Ehefrau Melanie und unsere zwei erwachsenen Söhne. Aber sonst haben sich die Dinge mittelprächtig radikal verändert. Früher bestanden meine intellektuellen Interessen vorwiegend aus Computern, Computernetzwerken, Raumfahrt und Wissenschaftsgeschichte. In dieser Zeit waren für mich die Worte "Esoterik" und "Spiritualität" noch klar negativ besetzt. Dann aber passierten drei Dinge mit größtem Veränderungspotential in meinem Leben: Mit dem Veganismus habe ich mein Äußeres radikal verändert, mit den Lehren Buddhas fand ich zum Mitgefühl und mit dem Yoga habe ich mein Ich mit dem Leben versöhnt.

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