Klaus Normalbürger ist sich im Weihnachtsmonat ein guter Mensch

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Es bedürfte schon des Eremitentums fern der Menschheit in der Abgeschiedenheit eines äußeren Planeten, um der schleichenden Veränderungen nicht gewahr zu werden. George Michael besingt in steigender täglicher Dosis das nun wirklich letzte Weihnachten und im Supermarkt buhlen preisige kulinarische Gemütlichkeiten aus Fett und Zucker um die Mitnahme. Das erste Adventskerzlein brennt und der Glühwein darf sich aufs Neue als der offensichtlichste Indikator für tatsächlich stattfindende Inflation ins Spiel bringen.

Derweil leuchten schon die ersten städtisch geschmückten Weihnachtsbäume, der Reigen der Weihnachtsfeiern betrieblicher und sonstiger Natur ist längst im Gange. Währenddes stellt sich Klaus‘ Leber bereits ihrem jährlichen Finalkampf. Freie Tage locken, das dreizehnte Monatsgehalt stellt sich der amazon Wunschliste und das endende gute Jahr öffnet der kleinen leisen Stimme des besseren Ich ein Stück weit die Kellertüre.

So kennen die Tage ihre Notwendigkeiten, ihre Routinen, ihre Uveränderlichkeiten. Nennen wir es die trockene Beisubstanz des Lebens. Das dezemberliche Gute, festzumachen am besonders mit Herzlichkeit aufgeladenen Miteinander am Arbeitsplatz und im Sport, wird ohnehin bereits mit Verve sich selbst und den lieben Mitmenschen dargebracht.

Und Klaus trägt seinen guten Vorsätzen für den Dezembermonat durchaus Rechnung. Beim Frühstück mit der Familie duldet er die Ablenkung durch Frau und Kind. Die morgendlichen Nachrichten auf dem Display liest er einfach langsamer und konzentrierter. Schließlich währt das nur kurz, in zehn Minuten sitzt es sich ohnehin schon im Auto.

Treu der Jahreszeit sind auf dem Weg zur Arbeitsstelle frühmorgens im nassen Dunkel auch die Zögerer nicht imstande, Klaus‘ freudiges Vorweihnachtsgefühl zu schmälern. Jene vorschriftsmäßig ihr Tempo haltenden Schlafmützen in ihren alten kleinen Autos. Immerhin sind die Lichter von Klaus‘ SUV auf Rückspiegelhöhe dieser nun wirklich nicht auf die Strasse gehörenden Mitmenschen. Aus einem Meter rückwärtigen Abstand sollte doch klar sein, dass es Menschen wie Klaus gibt, mit nun wahrlich wichtigen Jobs und zugehörigen Pflichten. Nochmals dann die Geduldsprobe in der letzten Meile an der Arbeitsstätte: wiederum diese Schleicher, nur die Straße querender Menschen und der allgemeinen Parkplatzsuche wegen. Warum nur zwingen diese Leute Klaus zu unvermeidbaren wie gefährlichen Überholmanövern mit Vollgas in kleinen Straßen?

Am Arbeitsplatz angekommen findet Klaus sich endlich in der geschätzten Geborgenheit der gleichen Taktung. Menschlichkeit im übergeordneten Betriebssinn ist kontraproduktiv wie töricht, hier besteht für Klaus und seine Kollegen kein Zweifel. Der Markt ist hart und nichts für Weicheier, das Tun ist Legitimation fürs Hartsein. Wer das infrage stellt, da weiß Klaus die Kollegen hinter sich, ist Gutmensch und hat diese Welt nicht verstanden. Wer im Zeitalter von Tempo, Effizienz und Wettbewerb nichts verstanden hat, der möge dem System nicht zur Last fallen. Fallen durch das eigene Tun irgendwo anders Jobs weg, gehen Firmen unter, dann ist das für Klaus der unvermeidbare Strukturwandel.

Glücklicherweise werden die Härten des Joballtags durch Milchkaffee, Wurstbrot und gute Gespräche erträglich. Ein Schwulenwitz im kleinen Kreis ist für Klaus Normalbürger  weniger verkommen denn Merkmal für gepflegten intelligenten Humor. Und der Schabernack über Personaldynamik, das ist ja das Gute an der Sache, liftet schließlich die erforderliche Abschiedsmentalität. Nach der Arbeit drückt Karl sich schnell an jenem einen bedauerlichen Kollegen vorbei, welcher schlicht nicht dazugehören kann.

Auf dem Heimweg am Straßenrand das Plakat dieser angeblich rechten Partei. Aus seiner Sicht tun die immerhin etwas. Die Deutschen haben ja sonst gar keine Lobby mehr, nicht umsonst hat Klaus auf dem Wahlzettel sein Kreuz an die richtige Stelle gesetzt.

Der Abstecher zum Einkaufszentrum gilt den Postkarten für die üblichen Verdächtigen. Zur Weihnachtszeit ein Kärtchen ist ein starke regelmäßige Geste, da kennt Klaus nix. Das ist erhebend und da kann auch der hockende Bettler oder die aufgesetzt traurig guckende Dame mit der Obdachlosenzeitschrift seiner guten Laune nichts anhaben. Und schau an, da sind ja die Nachbarn. Herzliches Lachen, kurzer Plausch, nochmals zum Abschluss liebe Umarmungen. Wie nur, denkt sich Klaus, konnten sich mit den beiden ein Dicker und eine Doofe so gelungen paaren? In sich hineinlächelnd der kurze Gang in den Supermarkt und zur Fleischtheke, herzhaft soll es schließlich werden.

In der häuslichen Gemütlichkeit angekommen lobt sich Klaus für seine weihnachtliche Duldsamkeit mit den Schwachköpfen da draußen. Sich seines Gutseins gewiss, geht es nun mit dem Bier in die gemütliche Abendgestaltung. Fernsehsendungen, welche seine Weltsicht nur klar bestätigen: es sind die Leistungsträger seiner Strickart, nicht etwa die verträumten Körnerfresser, welche diese Welt zu einem besseren Ort machen.

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